Liefertreue messen: warum dieselbe Fertigung 95 oder 75 Prozent liefert
Dieselben 240 Auftragspositionen ergeben 95, 82,5 oder 75 Prozent Liefertreue — je nachdem, gegen welchen Termin Sie messen. Welche vier Festlegungen Ihre Kennzahl braucht, wie Sie sie mit einer Versandliste erheben und warum erst der Wochenverlauf eine Aussage ist.
Dieselben 240 Auftragspositionen, drei Messregeln
Bevor Sie Liefertreue messen, legen Sie vier Dinge schriftlich fest: gegen welchen Termin gemessen wird, welches Toleranzfenster gilt, an welchem Punkt gezählt wird und was eine Zähleinheit ist. Ohne diese vier Sätze ist die Zahl beliebig: Dieselben 240 Auftragspositionen ergeben je nach Regel 95, 82,5 oder 75 Prozent — bei identischer Fertigung, im selben Quartal. Erhoben wird das mit einer Liste am Versandplatz, nicht mit einem ERP-Report.
Termintreue (OTD, On-Time-Delivery) ist der Anteil der Aufträge, die zum zugesagten Termin geliefert wurden — die am schnellsten spürbare Kennzahl.
Dieser Artikel behandelt die Messung: Definition, Erhebung, Verlauf. Warum bei Ihnen Termine reißen — Reihenfolgeplanung, Engpass, Nacharbeit — steht in Warum bei Ihnen Termine reißen; wie Sie den Durchlauf danach steuern, in Durchlaufzeit reduzieren im Metallbetrieb. Ohne saubere Messung bleibt beides unbelegt — Sie wüssten nicht, ob Ihre Maßnahmen gewirkt haben oder ob der Auftragsmix freundlicher war.
Liefertreue oder Termintreue — ist das dieselbe Zahl?#
Inhaltlich ja, sprachlich nein. Ihr Kunde sagt Liefertreue, weil er die Anlieferung sieht. Sie sagen Termintreue, weil Sie die Fertigmeldung sehen. Beide meinen den Anteil pünktlicher Aufträge.
Der Unterschied wird erst dann teuer, wenn beide Seiten unbemerkt an verschiedenen Punkten messen: Sie zählen den Warenausgang, der Kunde den Wareneingang — und zwischen beiden liegen ein bis drei Transporttage. Wer sich mit einem Kunden über Zahlen streitet, streitet in mindestens der Hälfte der Fälle über Definitionen, nicht über Leistung.
Gegen welchen Termin messen Sie?#
Es gibt drei Kandidaten, und die Wahl entscheidet über das Ergebnis mehr als jede Maßnahme in der Halle:
- Der Kundenwunschtermin aus der Anfrage.
- Der erste zugesagte Termin aus Ihrer Auftragsbestätigung.
- Der zuletzt bestätigte Termin — also der, der unterwegs verschoben wurde.
Rechnen Sie das Beispiel eines Metallbaubetriebs mit 240 versendeten Auftragspositionen im Quartal durch. Gegen den zuletzt bestätigten Termin waren 228 Positionen im Fenster: 95,0 Prozent. Gegen den ersten zugesagten Termin waren es 198: 82,5 Prozent. Dieselben Aufträge, dieselbe Fertigung, 12,5 Prozentpunkte Unterschied — allein durch die Messregel.
Die Differenz sind 30 Positionen, deren Termin unterwegs verschoben und dann eingehalten wurde. Wer die 95 Prozent berichtet, berichtet die Verschiebedisziplin der Arbeitsvorbereitung, nicht die Leistungsfähigkeit der Fertigung. Die Kennzahl misst dann sich selbst: Je öfter Sie verschieben, desto besser sieht sie aus.
Messen Sie deshalb gegen die erste Auftragsbestätigung. Das ist der Termin, auf den Ihr Kunde disponiert hat, und es ist auch die Konvention der internationalen Kennzahlenpraxis — die verbreitete Kennzahl Delivery Performance bezieht sich ausdrücklich auf den ersten bestätigten Termin, nicht auf einen nachträglich korrigierten.
Der Kundenwunschtermin gehört in eine getrennte Kennzahl, die Zusagequote. Sie beantwortet eine andere Frage — konnte der Vertrieb überhaupt zusagen, was der Kunde wollte? — und ist eine Vertriebs- und Kapazitätsgröße: Sie sinkt bei voller Auslastung, auch wenn die Fertigung fehlerfrei liefert. Beides in eine Zahl zu mischen macht beide unbrauchbar.
Ist „zu früh“ auch eine Abweichung?#
Ja — und deshalb gehört das Toleranzfenster zweiseitig definiert, zum Beispiel „minus zwei bis null Arbeitstage gegen den zugesagten Termin“.
Zu frühe Fertigstellung fühlt sich wie Puffer an, ist aber Fertigwarenbestand: Sie bindet Fläche, Material und Kapital, und sie ist meistens ein Symptom von Losvergrößerung — es wurde mehr gemacht, weil die Maschine schon eingerichtet war. Bei Kunden mit engen Anlieferfenstern ist eine zu frühe Anlieferung zusätzlich eine Abweichung, die zurückgewiesen wird.
Ein einseitiges Fenster („Hauptsache nicht zu spät“) ist zulässig, wenn Sie es bewusst wählen. Es muss nur auf demselben Blatt stehen wie die übrigen Festlegungen — sonst vergleichen Sie in einem Jahr Ihre eigenen Zahlen falsch.
Was zählen Sie — und an welchem Punkt?#
Zwei Festlegungen fehlen noch, und beide verschieben das Ergebnis spürbar.
Zähleinheit. Auftrag, Auftragsposition oder Liefermenge? Empfehlung: die Position. Ein Auftrag mit zwölf Positionen, von denen eine fehlt, ist für den Kunden nicht zu 92 Prozent pünktlich — er kann nicht montieren. Auf Auftragsebene gezählt verschwindet genau dieser Fall.
Messpunkt. Fertigmeldung, Warenausgang oder Wareneingang beim Kunden? Empfehlung: der Warenausgang. Er ist der letzte Punkt, den Sie beeinflussen; die Fertigmeldung schönt (das Teil steht dann noch im Versand), der Wareneingang belastet Ihre Fertigungskennzahl mit Speditionsfehlern. Wer bewusst die Kundensicht führen will, nimmt den Wareneingang — muss die Transitzeit dann aber in der Terminzusage berücksichtigen.
Dazu kommt die Vollständigkeit. Pünktlich, aber halb geliefert ist in vielen Betrieben ein Erfolg in der Statistik und ein Problem beim Kunden. Zählen Sie beides gemeinsam — pünktlich und vollständig —, dann bleiben von den 198 Positionen im Beispiel nur 180 übrig: 75,0 Prozent. Zwischen der freundlichsten und der strengsten Regel liegen damit 20 Prozentpunkte.
Daraus folgt eine unbequeme, aber wichtige Konsequenz: Drei Betriebe, drei Definitionen. Vergleichszahlen aus Verbandsumfragen oder vom Wettbewerber sind ohne Angabe von Referenztermin, Fenster, Messpunkt und Zähleinheit wertlos.
Wie erheben Sie die Zahl mit einer Versandliste?#
Mit sechs Spalten auf einem Blatt, das am Versandplatz liegt und beim Packen ausgefüllt wird — nicht am Monatsende aus dem Gedächtnis.
| Spalte | Was hineingehört | Warum sie gebraucht wird |
|---|---|---|
| Auftrag / Position | Nummer der Position | Ihre Zähleinheit |
| Erster zugesagter Termin | Datum aus der Auftragsbestätigung | Referenztermin — wird nie überschrieben |
| Zuletzt bestätigter Termin | Datum der letzten Verschiebung | zeigt, wie oft nachverhandelt wurde |
| Tatsächlicher Warenausgang | Datum | Ihr Messpunkt |
| Vollständig? | ja / nein | trennt „pünktlich“ von „pünktlich und komplett“ |
| Grund bei Abweichung | Schlüssel 1–6 | macht aus der Zahl eine Handlung |
Die letzte Spalte ist die wichtigste. Ohne Grundschlüssel ist Liefertreue ein Thermometer: Sie zeigt, dass Fieber da ist, nicht warum. Sechs feste Kategorien reichen — externes Material und Fremdleistung, Kapazität und Reihenfolge, Nacharbeit und Qualität, Kundenänderung, Konstruktion und Arbeitsvorbereitung, Sonstiges.
Kundenänderungen zählen dabei mit, aber in ihrer eigenen Kategorie. Wer sie herausrechnet, weil sie „nicht unsere Schuld“ sind, rechnet sich die Zahl schön — der Kunde erlebt die Verspätung trotzdem, und die Häufigkeit dieser Kategorie ist eine eigene, sehr brauchbare Erkenntnis.
Eine Warnung aus der Praxis: Sammelrückmeldungen am Freitagnachmittag oder Rückmeldung erst bei Auftragsabschluss machen jede Auswertung wertlos. Wenn die Rückmeldedisziplin nicht steht, messen Sie die Disziplin, nicht die Fertigung.
Warum sagt ein einzelner Wochenwert nichts?#
Weil die Stichprobe zu klein ist. Bei rund 20 versendeten Positionen in der Woche verschiebt eine einzige verspätete Position die Zahl um fünf Prozentpunkte.
Im Beispiel schwanken die zwölf Wochenwerte zwischen 65 und 100 Prozent — 35 Prozentpunkte Spannweite —, während der Quartalswert stabil bei 82,5 Prozent liegt. Die beste Woche ist kein Beweis, die schlechteste kein Beleg. Erst der Verlauf über mehrere Wochen ist eine Aussage.
Erheben Sie deshalb wöchentlich, bewerten Sie aber über einen rollierenden Zeitraum von etwa zwölf Wochen. Der Monatswert kommt zu spät, um noch zu steuern; der Jahreswert ist Statistik.
Wichtiger als der Mittelwert ist ohnehin die Streuung: Brauchen Ihre langsamsten zehn Prozent der Aufträge mehr als doppelt so lange wie der mittlere Auftrag, ist Ihre Fertigung nicht steuerbar — dann ist jede Terminzusage Glückssache, unabhängig davon, wie gut die Liefertreue gerade aussieht (Nyhuis/Wiendahl, Logistische Kennlinien, Springer, 3. Auflage 2012).
Und die Zahl gehört sichtbar aufgehängt, nicht in eine Datei. Wie eine solche Kennzahl in eine tägliche Routine kommt, steht in Shopfloor Management im 30-Mann-Betrieb.
Womit vergleichen Sie Ihre Liefertreue — und womit nicht?#
Mit Ihrem eigenen Vorjahr. Sonst mit nichts.
Für Zerspanung, Feinwerkmechanik, Metallbau und Gießerei ist in der öffentlichen Literatur keine belastbare Branchenbenchmark verfügbar. Die häufig genannten 95 Prozent sind eine verbreitete interne Zielsetzung, kein Standard und keine Messlatte, an der Sie sich blamieren müssten. Als Kennzahlenrahmen dient die VDI 4400 Blatt 2 (Logistikkennzahlen für die Produktion); sie definiert die Systematik, nicht den Zielwert.
Belastbar ist ausschließlich Ihr eigener Zeitverlauf über mindestens zwölf Monate bei unveränderter Definition. Ändern Sie die Regel — und nach diesem Artikel werden Sie das vermutlich tun —, dann kennzeichnen Sie den Bruch im Verlauf. Eine Zeitreihe mit stillem Definitionswechsel ist schlimmer als keine.
Ein Letztes: Bewerten Sie Liefertreue nie allein. Sie lässt sich kurzfristig durch Bestandsaufbau kaufen — größere Lose, mehr Fertigware, alles auf Verdacht vorproduziert. In einem dokumentierten Praxisfall lag die Liefertermintreue nach genau dieser Strategie bei 75 Prozent, trotz hoher Fertigwarenbestände (REFA AG, Whitepaper zur OEE). Lesen Sie die Zahl deshalb immer zusammen mit Durchlaufzeit und Bestand.
In zwei Stunden selbst starten#
Sie brauchen dafür kein Projekt und keine Auswertung:
- Vier Festlegungen auf ein Blatt (30 Minuten): Referenztermin, Toleranzfenster, Messpunkt, Zähleinheit. Gemeinsam mit Arbeitsvorbereitung und Vertrieb — allein festgelegt hält es nicht.
- Sechs-Spalten-Liste an den Versandplatz (20 Minuten). Papier genügt; eine Tabellendatei tut es auch, wenn sie am Packplatz erreichbar ist.
- Grundschlüssel festlegen (20 Minuten): sechs Kategorien, mehr nicht. Wer zehn Kategorien anlegt, bekommt zehnmal „Sonstiges“.
- Vier Wochen erheben, dann erst urteilen. Vorher gibt es keinen Wochenwert, über den zu reden sich lohnt.
- Nach zwölf Wochen den Verlauf aufhängen und die größte Grundkategorie angehen — genau eine, nicht drei.
Wenn Sie wissen möchten, welche Ihrer Verspätungsgründe der teuerste ist und wo im Durchlauf er entsteht, ist genau das der Inhalt der kostenlosen Kurz-Analyse. Für Metallbau- und Schlossereibetriebe im Raum Stuttgart ist das Vorgehen unter Lean-Beratung Stuttgart für Metallbau und Schlosserei beschrieben; einen ersten Überblick über den eigenen Stand gibt der Lean-Check für Metall & Fertigung.
Zwölf Wochen Liefertreue — warum ein Wochenwert nichts beweist
Gegen den ersten zugesagten Termin, rund 20 Positionen je Woche
35 Prozentpunkte Spannweite bei unveränderter Fertigung — der Quartalswert ist 82,5 Prozent
Woher die 42 verspäteten Positionen kommen
Grundschlüssel, Anteil an allen Abweichungen
- Material & Fremdleistung extern29%(12 Positionen)
- Kapazität & Reihenfolge26%(11 Positionen)
- Nacharbeit & Qualität19%(8 Positionen)
- Kundenänderung17%(7 Positionen)
- Sonstiges9%(4 Positionen)
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Begriffe aus diesem Artikel im Glossar: Shopfloor Management · Termintreue (OTD)
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