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Warum bei Ihnen Termine reißen — und warum die Ursache selten im Versand liegt

Verspätete Aufträge sind das sichtbarste Symptom eines Fertigungsproblems — und fast nie dort verursacht, wo sie auffallen. Wie Sie über Durchlaufzeit, Liegezeit und Engpass die tatsächlichen Ursachen freilegen.

21. Juli 2026·9 Min. Lesezeit·Termintreue · Durchlaufzeit · Engpass · Wertstrom

Termintreue ist eine Wirkung, kein Prozess#

Wenn Zusagen reißen, wird meistens dort gesucht, wo es auffällt: im Versand, in der Disposition, bei der Arbeitsvorbereitung. Dort ist die Ursache selten. Termintreue ist eine Ergebniskennzahl — sie misst, was Reihenfolgeplanung, Durchlaufzeit und Nacharbeit vorher angerichtet haben.

Nachsteuern im Versand und Überstunden am Wochenende verschieben das Symptom, lösen es aber nicht. Die gute Nachricht: Die Kennzahl selbst liegt bei den meisten Betrieben bereits im ERP und muss nur ausgewertet werden. Sie eignet sich damit gut als Vorher-Nachher-Maßstab.

Das Werkstück wartet — bearbeitet wird es kaum#

Nehmen Sie einen abgeschlossenen Auftrag und rekonstruieren Sie seinen Weg mit Datum je Station. In der Werkstattfertigung zeigt sich fast immer dasselbe Bild: Die Liegezeit zwischen den Schritten dominiert, nicht die Bearbeitung.

Der Wertschöpfungsanteil an der Gesamtdurchlaufzeit (der sogenannte Flussgrad) liegt erfahrungsgemäß im einstelligen Prozentbereich, häufig unter einem Prozent. Ein Werkstück, das zwölf Arbeitstage im Haus ist, wird davon vielleicht vier Stunden lang tatsächlich bearbeitet.

Die Konsequenz daraus ist unbequem, aber eindeutig: Eine schnellere Maschine ändert an dieser Rechnung fast nichts. Ein aufgelöster Wartepunkt sehr wohl.

Reihenfolgeplanung im Kopf des Meisters#

In vielen Betrieben mit 20 bis 60 Mitarbeitenden existiert keine sichtbare Reihenfolge. Es gibt einen Meister, der weiß, was als Nächstes dran ist. Das funktioniert erstaunlich gut — bis zur ersten Krankheitswoche oder dem ersten Eilauftrag.

Spontan dazwischengeschobene Eilaufträge sind dabei der größte Einzeltreiber: Ein vorgezogener Auftrag verschiebt nicht einen anderen, sondern alle nachgelagerten Zusagen gleichzeitig. Was als Kundenfreundlichkeit gemeint war, erzeugt drei neue Verspätungen.

Die Abhilfe ist unspektakulär und wirksam: definierte Slots für Eilaufträge statt spontanem Dazwischenschieben, und eine Reihenfolge, die für alle sichtbar an einem Board hängt statt im Kopf einer Person.

Der Engpass bestimmt Ihren Liefertermin#

Es gibt in fast jedem Betrieb einen Stauort, der unabhängig vom Auftrag immer derselbe ist. Das ist Ihr Engpass — und er wird beobachtet, nicht geraten. Verfolgen Sie mehrere unterschiedliche Aufträge und schauen Sie, wo sich das Material sammelt.

Häufig ist es das teuerste Bearbeitungszentrum. Manchmal aber auch die Lackierung, eine externe Oberflächenbehandlung oder die Arbeitsvorbereitung — dann liegt der Engpass im Büro, nicht in der Halle.

Zwei Regeln folgen daraus (nach Goldratt):

  • Der Engpass darf nicht stillstehen. Nicht in der Pause, nicht beim Schichtwechsel, nicht während des Rüstens. Ein Puffer davor und Rüsten auf Nebenzeiten sind die naheliegenden Maßnahmen.
  • Auslastung an Nicht-Engpass-Stationen bringt nichts. Sie erzeugt nur Umlaufbestand, der vor dem Engpass wartet und die Durchlaufzeit weiter verlängert.

Nacharbeit frisst Termine doppelt#

Jede Korrekturschleife belegt Kapazität ein zweites Mal — und zwar meist ausgerechnet an der Station, die ohnehin knapp ist. Ein nachzuarbeitendes Teil verdrängt ein Neuteil.

Verschärfend kommt hinzu, dass Fehlerentstehung und Fehlerentdeckung oft mehrere Stationen auseinanderliegen. Ein Maßfehler beim Zuschnitt fällt erst beim Schweißen auf; alle Stationen dazwischen haben in der Zwischenzeit an einem Fehlteil weitergearbeitet.

Wer Termintreue verbessern will, muss die Rückflüsse deshalb mit aufnehmen — sonst erklärt die Wertstromaufnahme nur den halben Zeitverlust.

Ihr erster Schritt: einen Auftrag ehrlich nachverfolgen#

Sie brauchen dafür kein Projekt:

  1. Nehmen Sie einen abgeschlossenen Auftrag und rekonstruieren Sie ihn vom Materialeingang bis zum Versand, mit Datum je Station.
  2. Stellen Sie Liegezeit gegen Bearbeitungszeit. Das Verhältnis überrascht praktisch jeden Betrieb.
  3. Nehmen Sie sich die zwei größten Wartepunkte vor — nicht die langsamste Maschine.

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